Vorwort


Vorwort des Vorstandsvorsitzenden Dipl.-Kfm.(FH)  Dipl.-Ing.(FH) Martin Werthenbach VT
Eröffnungsrede zur Vereinsgründung von Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. Horst Weiß
 




Vorwort des Vorstandsvorsitzenden Dipl.-Kfm.(FH)  Dipl.-Ing.(FH) Martin Werthenbach VT



Der erste Schritt ...

... ist meist ein Vorwort. So läutet auch zum Start der Vorstellung unseres Vereins zur Förderung des Technologie-Management-Gedankens, kurz Virtualtec e.V., das Vorwort etwas einzigartiges ein. Seit dem 3. Oktober 2000 möchte Virtualtec e.V. die Interessen der "Techniker" und "Manager" bündeln und eine Brücke zwischen den Bereichen Technologie und Management bauen. Mit anderen Worten: einfach den nächsten Schritt tun.

Virtualtec e.V. ist ein netzwerkorientiert gemanagter Verein und nutzt die Beziehungen zu den unterschiedlichsten Organisationen und Personen weltweit. Damit wir uns effektiv und effizient im Markt bewegen können, haben wir unsere Vereinsaktivitäten auf die Entwicklung und Förderung der Schnittstelle zwischen Management und Technologie konzentriert.

Im Definitionsbereich unserer Vereinsaktivitäten streben wir die Qualitätsführerschaft an. Obwohl wir ein gemeinnütziger Verein ohne wirtschaftlichen Interessen sind, haben wir sehr ehrgeizige Ziele die wir kontinuierlich verfolgen wollen.

Wir sind gemeinnützig und unabhängig und arbeiten für den Erfolg unserer Idee!

Virtualtec e.V. hat keine wirtschaftlichen Interessen und ist auch keine Partei. Wir versuchen unsere Ideen neutral und unabhängig in die öffentlichen Diskussionen einzubringen. Die Mitgliedschaft in unserem Verein steht allen Personen aus allen Ländern, Kulturen, Gesellschafts- und Berufsgruppen offen.

Damit ich jeden Tag an meine Ziele und Tugenden im Verein erinnert werde und zeige, dass ich mich an diese Vorgaben halte, werde ich die Endung "VT" für Virtualtec meinem Nachnamen anhängen. Zur Identifikation mit Virtualtec haben alle Mitglieder laut Vereinssatzung das Recht, die Endung "VT" ihrem Nachnahmen anzuhängen.

Wie weit wir unseren Weg zum Wohle der Mitglieder, Organisationen, Interessierten und der Gemeinschaft beschreiten können, kann man heute noch nicht sagen. Es werden viele Texte, Gespräche und Gedanken rund um das Thema Technologie und Management folgen, die uns Schritt für Schritt weiterbringen können. Wir laden Sie deshalb ein: Gehen Sie den Virtualtec-Weg einfach mit ...

Ihr
Martin Werthenbach VT


Eröffnungsrede zur Vereinsgründung von Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. Horst Weiß

Meine Damen und Herren,

Ich habe mir gestern die Einschreibungszahlen der Erstsemester für Maschinenbau und Wirtschaftsingenieurwesen an der Uni Siegen geben lassen, und ich muß sagen, ich war erschrocken. Gegenüber dem letzten Jahr sind sie noch einmal um fast 10 % heruntergegangen, von einem viel zu niedrigen Niveau aus. Und dies, obwohl die Chancen für Techniker auf dem Arbeitsmarkt so gut sind wie schon lange nicht mehr, worüber auch in den Medien meines Erachtens ausreichend berichtet worden ist: Die Industrie sucht händeringend nach Ingenieuren, und bietet Einstiegsgehälter, von denen man vor einigen Jahren nur träumen konnte. Wenn nun trotz dieser hervorragenden Berufschancen der Beruf des Technikers wenig attraktiv erscheint, so liegen die Ursachen vermutlich tiefer, und die Korrelation der Ingenieurstudenten mit den Berufschancen greift zu kurz.

Ich möchte daher diese Gelegenheit heute benutzen, um mit Ihnen über diese Situation nachzudenken, und die Stellung des Technikers in der Gesellschaft beleuchten. Mir scheint, die folgende kleine Geschichte, die Sie vielleicht kennen, zeigt schon eine Facette des Problems. Auch auf die Gefahr hin, einige von Ihnen zu langweilen, möchte ich die Geschichte erzählen:

Ein Mann fliegt einen Heißluftballon und realisiert, dass er die Orientierung verloren hat. Er reduziert seine Höhe und macht schließlich einen Mann am Boden aus. Er lässt den Ballon noch weiter sinken und ruft: "Entschuldigung, können Sie mir helfen? Ich versprach meinem Freund, ihn vor einer halben Stunde zu treffen, aber ich weiß nicht, wo ich mich befinde."Der Mann am Boden sagt: "Ja. Sie befinden sich in einem Heißluftballon. Ihre Position ist 40 Grad 22 Minuten nördliche Breite, und 58 Grad 16 Minuten westlicher Länge.""Sie müssen Ingenieur seine', sagt der Ballonfahrer."Bin ich", antwortet der Mann. "Wie haben Sie das gewusst?" "Sehen Sie", sagt der Ballonfahrer, "alles, was Sie mir gesagt haben, ist technisch korrekt, aber ich habe keine Ahnung, was ich mit Ihren Informationen anfangen soll, und ich weiß immer noch nicht, wo ich bin."Der Ingenieur sagt hierauf "Sie müssen ein Manager sein." "Bin ich", antwortet der Ballonfahrer, "Wie haben Sie das gewusst?" "Sehen Sie", sagt der Ingenieur, "Sie wissen nicht, wo Sie sind, oder wohin Sie gehen. Sie haben ein Versprechen gegeben, von dem Sie keine Ahnung haben, wie Sie es einhalten können, und Sie erwarten, dass ich Ihnen dieses Problem löse. Tatsache ist: Sie befinden sich in exakt derselben Position, in der Sie waren, bevor wir uns getroffen haben, aber irgendwie ist jetzt alles meine Schuld..."

Soweit die Story. Das hier gezeichnete Bild des Ingenieurs ist also das Bild eines Menschen, der supergenau eine Situation kennt, aber mit seinem technischen Wissen keine Problemlösung anbieten kann, weil ihm der Gesamtüberblick fehlt, und dafür auch noch die Schuld bekommt, während der Manager zwar auch keinen Überblick hat, aber im Techniker den Sündenbock findet. Diese Geschichte ist recht lehrreich, spiegelt sie doch prägnant unsere Situation als Techniker wider. Ich möchte diese Situation nun etwas genauer diagnostizieren, bevor ich etwas zur Therapie sage.

Ich glaube, wir sind uns alle einig, daß die Entwicklung der Menschheit in erster Linie vom technischen Fortschritt bestimmt ist. Das kommt ja auch in der Nomenklatur der Perioden der Menschheitsgeschichte zum Ausdruck. Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit, Atomzeitalter wurde diskutiert oder jetzt das Informationszeitalter. Alles Begriffe, die sich auf Werkstoffe für technisches Gerät oder auf Technologien beziehen. In geschichtlicher Zeit ist der Fortschritt verbunden mit den Namen von Naturwissenschaftlern und Technikern: Gutenberg für den Buchdruck, James Watt für die Dampfmaschine, Siemens für Elektrotechnik, Edison für die Glühlampe, Reis und Marconi für Telefonie und drahtlose Telegraphie, Liebig für Kunstdünger, Benz und Diesel für das Auto, Lilienthal und die Gebrüder Wright für die Luftfahrt, Wernher von Braun für die Raketentechnik, Shockley für den Transistor, Hahn für die Atomspaltung und Teller für die Wasserstoffbombe. Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Es sind also nicht die Politiker, die Juristen und die Betriebswirtschaftler, die die Welt verändert haben, sondern es sind die Techniker. Die Politiker, Könige und Kaiser, Herzöge und Reichskanzler allerdings haben die Welt aufgeteilt und unterteilt, unterworfen und unterjocht - im wesentlichen durch Kriege - und das auch wiederum mit Hilfe der Techniker, die Armbrüste, Rüstungen, Schießpulver, Festungen, Kanonen und Schiffe zur Verfügung gestellt haben.

Und jetzt vergleichen Sie einmal Ruf und Reputation dieser begnadeten Ingenieure mit denen der Politiker. Geschichte haben die letzteren geschrieben - im Guten wie im Bösen. Sie stehen in den Geschichtsbüchern, die Techniker tauchen höchstens als Randfiguren, im Kleingedruckten auf, obgleich doch sie eigentlich die Welt verändert haben. Allerdings sind die Techniker ein eigenes Völkchen. Sie sind verliebt in ihre Maschinen und Problemlösungen, sehen oft die Konsequenzen nicht und dienen dem Herren, der sie bezahlt. Wernher von Braun wollte Raketen bauen, schon als Junge, und als Student schoß er die ersten in den Himmel. Für Hitler baute er dann die V 2, und für die Amerikaner die Saturn. Teller konstruierte die Wasserstoffbombe und schien nie von den Skrupeln geplagt zu sein, die beispielsweise einen Oppenheimer bewegten - zumindest drang nichts davon nach draußen. Heinkel, Junkers, Krupp versorgten Hitlers Kriegsmaschinerie mit Flugzeugen und Waffen, von Widerstand ist mir zumindest nichts bekannt. Kurzum, manchmal kommen mir die Techniker wie Söldner vor, die sich dem verdingen, der ihre Spiele finanziert, ohne die Konsequenzen ihres Handelns zu bedenken. Davon wird später noch die Rede sein.

Nach dem 2. Weltkrieg, also zur Mitte des vorigen Jahrhunderts, mußten Deutschland, das zerstört am Boden lag, und die anderen europäischen Länder wiederaufgebaut werden. Es herrschte eine große Nachfrage nach technischen Gerät, Stahl und Kohle wurden den Produzenten aus den Händen gerissen. Und wieder waren es die Techniker, Architekten, Bauingenieure, Elektrotechniker, Maschinenbauer, Bergleute, die die neue Zivilisation schufen, Ich kann mich noch gut erinnern, mit welcher Begeisterung ich als Junge Bücher über Technik, wie das "Neue Universum" verschlungen habe. Jeder wollte Ingenieur werden, aus unserer Abiturklasse damals 30 %. Die Berufsfelder waren nahezu unbegrenzt, die ganze Welt war offen. Die zukünftige Energieversorgung war durch Atomkraft gesichert, es wurde sogar für die friedliche Nutzung der Atomenergie demonstriert, denn der kalte Krieg war auf dem Höhepunkt, und Hiroshima saß noch allen in den Knochen.

Aber bei all diesen bewunderungswerten Leistungen der Nachkriegszeit haben die Techniker wieder zu wenig die Folgen ihres Tuns bedacht. Der Himmel über dem Ruhrgebiet wurde schwarz, an schönen Sommertagen - ich erinnere mich noch genau an den Himmel in Düsseldorf in den 50er Jahren - war die Sonne oftmals nur als Scheibe zu sehen. Die Flüsse wurden verschmutzt, die wenigen noch im Rhein lebenden Fische waren ungenießbar, die Landschaft wurde mit Straßen zubetoniert, historische Gebäude, die den Krieg überstanden hatten, wurden abgerissen, um Neuem Platz zu machen. Man brauchte Energie, und so wurden Kraftwerke gebaut, Braunkohlenkraftwerke und Atomkraftwerke. Verantwortlich für diesen Raubbau an unserer Umwelt waren natürlich die politischen und wirtschaftlichen Kräfte, aber - die Techniker haben das alles fröhlich ohne Skrupel mitgemacht, auch die Aufrüstung während des kalten Krieges.

Dann allerdings geschah etwas eigentlich unerwartetes. Die einfachen Menschen begannen, den technischen Fortschritt zu hinterfragen, der begonnen hatte, ihren Lebensraum zu zerstören. Es gab Protestbewegungen der Bürger, zuerst vereinzelt und wenig organisiert, dann aber in größeren Zusammenhängen. Ziele dieser Proteste waren Baumaßnahmen, Autobahnen, Startbahnen, Industrieansiedlungen, Militäreinrichtungen. Und da die Politiker der großen Parteien nicht reagierten, und die Wirtschaftsführer schon gar nicht, entstand eine neue Partei: die Grünen. Damit entstand etwas völlig neuartiges, ein organisiertes Umweltbewußtsein, das bald zu einer so mächtigen Strömung werden sollte, der sich auch die Meinungsführer, die großen Volksparteien und die Wirtschaftsverbände nicht mehr verschließen konnten. Es wurden Umweltministerien eingerichtet und zahllose Gesetze und Verordnungen auf den Weg gebracht, Atmosphäre, Wasser und Landschaft zu schützen. Aber das Resultat dieser Stimmungen, die sich lebhaft in der veröffentlichen Meinung niederschlugen, war der Beginn einer erst latenten, dann immer stärker sich auch öffentlich manifestierenden Technikfeindlichkeit, die auch gegen die vermeintlichen Verursacher der Probleme, die Techniker, gerichtet war.

Die Öffentlichkeit begann, den technischen Fortschritt an sich in Frage zu stellen. Naturwissenschaften und Technik wurden eher als lebensbedrohend, nicht als lebenserhaltend angesehen, und eine richtige Ausstiegsmentalität machte sich breit.

Als dann am 26. April 1986 der GAU in Tschernobyl geschah, wandte sich die Stimmung auch massiv gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie, die bis dahin eigentlich von den meisten Menschen akzeptiert worden war. Man wurde gewahr, daß die Atomkraft ein tatsächliches Risiko darstellt, und nicht nur ein gewisses Restrisiko, und daß Millionen von Menschen betroffen sein können.

Und Naturwissenschaftler und Techniker wurden nun für alle diese Probleme verantwortlich gemacht. Sie waren es, die die Waffen des kalten Krieges bauten, sie waren es, die die Umwelt zerstörten, sie waren es, die die Atomkraft immer als sicher hingestellt hatten, und sie waren es, die die Genetik der Pflanzen mit der Gentechnologie verändern wollten. Und bei alledem waren ihnen die Konsequenzen egal, wenn sie nur ihre Spiele treiben konnten.

Was Wunder, daß nun in den Schulen die naturwissenschaftlichen Fächer abgewählt wurden, die Lehrer waren ja meist an führender Stelle in den Protestbewegungen tätig. Und ohne naturwissenschaftliches Wissen, keine Freude an der Technik.

Wir Deutschen sind ja ein eigenartiges Volk: was wir machen, das machen wir richtig. Wir sind konsequent bis zur Halsstarrigkeit und kein bißchen pragmatisch. Wir schütten immer das Kind mit dem Bade aus. Daher ist diese Fortschrittsfeindlichkeit auch in Deutschland am ausgeprägtesten gewesen und ist es immer noch. Wir haben die Gentechnologie bekämpft, wir haben die gesamte Biotechnologie bekämpft, wir haben die Chemie durch exzessive Umweltauflagen bekämpft, die Pharmaindustrie und natürlich die Atomindustrie. Und damit haben wir viele Forschungseinrichtungen und Industrien aus dem Land gejagt. Andere Länder sehen die Problematik zwar auch, sind aber niemals so radikal in ihren Maßnahmen. Und die deutschen Techniker? Die hatten wiederum das Nachsehen und wurden mit 50 Jahren arbeitslos oder in den Vorruhestand geschickt. Sie sind die nützlichen Idioten, die man nach getaner Arbeit schlicht entsorgt.

Wiederum! Was Wunder, daß der potentielle Nachwuchs sich anderen Berufsfeldern zugewandt hat und zuwendet. Die Folge ist allerdings, daß in den nächsten 5 Jahren der Bedarf an Ingenieuren in Deutschland bei weitem nicht gedeckt werden kann, und desweiteren, daß der Ausbau unserer Unternehmen gravierend davon beeinträchtigt sein wird.Das ist bitter, denn als dicht bevölkertes, rohstoffarmes Land leben wir von unserer Technik.

Aus den hier vorgestellten Überlegungen ergibt sich das typische Bild des deutschen Technikers - und mit diesem Begriff meine ich alle mit der Technik befaßten -, der realisiert, was ihm aufgetragen ist, ohne den Sinn des Auftrags zu hinterfragen oder die Folgen zu bedenken. Er bewegt zwar den technischen Fortschritt, aber beeinflußt nicht die politischen Kräfte. Im gesellschaftlichen Raum reagiert er, aber er agiert nicht, er bestimmt nicht die Richtung, in die sich eine Gesellschaft bewegt, noch nicht einmal die Geschwindigkeit. Ich bin mir im Klaren darüber, daß ich hier stark vereinfache. Neuerdings sind viele Vorstandsvorsitzende großer Unternehmen Techniker, ich denke an BMW, VW, Porsche oder Lufthansa.

Aber in der Politik, in den Entscheidungsgremien, sucht man Ingenieure fast vergebens. Und dabei könnten sie so viel zum Gedeihen einer Gesellschaft beitragen. Sie sind es gewohnt, ein Problem von allen Seiten zu betrachten, es kühl, aber mit Sachverstand zu analysieren, notwendige Informationen zu beschaffen, dann eine Problemlösung vorzuschlagen und diese zu realisieren. Und dabei auch Mut zu zeigen, nicht aber Übermut oder Tollkühnheit. Alles Eigenschaften, die in der Politik so notwendig sind und gerade heute fehlen.

Ich nenne Ihnen ein Beispiel, die heute die Politik bewegt und wo ingenieurmäßiges Denken bitter not täte. Das erste betrifft die Energieversorgung der Weltbevölkerung. Geschichtlich gesehen hat die Erfindung der Dampfmaschine durch James Watt - ich erwähnte ihn kurz - und die Gewinnung von Kohle die europäische Bevölkerung von der Sklavenarbeit befreit. Wasserkraft stand nur beschränkt zur Verfügung, insbesondere nicht im Sommer, und so bedeutete Produktion von Gütern härteste Knochenarbeit. In vielen Ländern der dritten Welt ist dies immer noch so. Ich denke an die Tretmühlen zum Wasserpumpen in China und die von Menschen gezogenen Pflüge in Afrika. Nun wurde in Europa die fossile Energie, die sich in Jahrmillionen angesammelt hatte, abgebaut, und alles wurde humaner. Die körperliche Arbeit wurde erträglich, die Häuser wurden warm, Transportmittel außer Pferden und Schiffen konnten entwickelt werden. So ist unser Lebensstandard, ja die Humanität unseres Daseins ganz entscheidend mit der Verfügbarkeit von Energie verknüpft. Dies gilt für etwa 600 Millionen Menschen von 6 Milliarden. Diese 10 % verbrauchen etwa 80 % der gesamten Primärenergie. Selbst wenn wir unseren Verbrauch um 20 % senkten, brauchte die Welt - um die übrigen Länder an unseren Standard heranzuführen, immernoch die sechsfache Menge an Primärenergie - verglichen mit heute. Diese einfache Rechnung zeigt die Unsinnigkeit eines Alleingangs zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes. Nein, man muß eine Energiequelle haben oder entwickeln, die Mengen erzeugt, um der dritten Welt ein lebenswertes Leben zu gewähren, und das kann mit heutiger Technik nur die Atomspaltung sein, oder vielleicht in Jahrzehnten die Atomfusion. Aber mit der Forschung dafür muß heute massiv begonnen werden. Hier wären Techniker in den Parteien notwendig, die den Politikern einmal den Dreisatz beibrächten.

Damit eng verknüpft ist die Nahrungsproduktion. Um diesen 6 Milliarden Menschen oder in Zukunft eher 10 Milliarden, wenn die Prognosen zutreffen, ein hungerfreies Leben zu gewährleisten, muß die Nahrungsmittelproduktion erhöht werden. Dies geht nur mit Düngung und großen Bewässerungsprojekten, und dafür braucht man wiederum Energie, zur Meerwasser- oder Brackwasserentsalzung und zur Nitratsynthese. Dann ist auch die Wasserstofferzeugung für den Automobilbetrieb möglich, so daß dort kein CO2 mehr anfällt. Aber wie gesagt, daß kann nur eine andere Energieform großer Leistungsdichte sein, Windräder und Photovoltaik sind dagegen Spielzeuge. Doch diese Spielzeuge werden mit viel Geld gefördert und die Atomkraft überläßt man dem Ausland. Folgerichtig werden in China und anderen Ländern große Atomkraftwerke gebaut, vielleicht nicht mit unserem Sicherheitsstandard, während wir unser Knowhow an Universitäten und in der Industrie so langsam vergessen. Bezeichnenderweise wird ja das russische Plutonim aus den Atombomben in Rußland in der Verarbeitungsanlage aus Hanau verarbeitet, während bei uns diese Arbeitsplätze verloren gehen. Bei uns ist zuviel Ideologie im Spiel und es fehlen die nüchtern und realistisch denkenden Techniker in den Leitungs- und Entsscheidungspositionen.

Wenn wir jetzt noch einmal auf die vorhin gestellte Frage nach der Stellung des Technikers in der Gesellschaft zurückkommen, so ergeben sich aus diesen hier angestellten Überlegungen zwei Kernaussagen: Erstens hat ohne Zweifel der Techniker die Welt verändert und er bestimmt den Fortschritt, der die Menschen zumindest in den entwickelten Ländern von der Sklavenarbeit entlastet hat und einen noch nie dagewesenen hohen Lebensstandard hervorgebracht hat. Allerdings hat der Techniker zu wenig Gespür für die dabei entstehenden Probleme entwickelt und die Technikfolgen zu wenig bedacht; sie haben ihn nicht interessiert, und die oft problematischen Folgen haben in der Gesellschaft zu einer Technikfeindlichkeit geführt. Dabei war der Techniker weder Meinungsführer noch Träger der politischen Verantwortung. Er hat sich vielmehr oft von anderen instrumentalisieren lassen. Aber irgendwie war das dann immer alles seine Schuld.

Zweitens: Diese Technikfeindlichkeit und die Abkopplung des Technikers vom politischen Geschehen und den gesellschaftlichen Strömungen führt jetzt in Deutschland zu unsinnigen Entwicklungen, wobei die Gefahr besteht, daß wir uns vom wissenschaftlichen und technischen Fortschritt abkoppeln. Teilweise ist dies schon geschehen, man schaue sich nur die Verteilung der Nobelpreise der letzten Jahre an. Andere Länder, Frankreich beispielsweise, sehen das ganz anders, und wir werden bald unseren Strom aus Frankreich oder Tschernobyl beziehen, Atomstrom natürlich, denn der ist der preiswerteste.

Die Konsequenz, die sich aus diesen beiden Thesen ergibt, ist zwingend die Folgende: In den echten Leitungsfunktionen der Gesellschaft, nämlich dort, wo die Ziele vorgegeben werden, dort, wo die Entscheidungen fallen, also in den Parteien, in den Verbänden, in den Unternehmensleitungen, in allen gesellschaftlichen Gruppierungen brauchen wir Techniker und Naturwissenschaftler, also Menschen, die mit Ratio und technischem Sachverstand die Probleme behandeln und die Richtung vorgeben. Denn die Probleme, mit denen wir in Zukunft weltweit konfrontiert sind, Energieversorgung, Wasserversorgung, Versorgung mit Nahrungsmitteln, damit wir endlich einmal von der beschämenden Situation wegkommen, daß die Hälfte der Weltbevölkerung Hunger leidet, diese Probleme erfordern Lösungen mit modernster Technik. Darum ist die beobachtete Technikfeindlichkeit auch so unsinnig.

Wenn wir dies akzeptieren, müssen wir als Naturwissenschaftler und Techniker allerdings auch dafür Sorge tragen, daß wir für die Übernahme der Verantwortung gerüstet sind, gerüstetmit Kenntnissen und Fähigkeiten, die uns befähigen, zunächst einmal die entsprechenden Leitungsfunktionen zu erreichen, und die für richtig erkannten Maßnahmen durchzusetzen und dann die Folgen abschätzen zu können. Kurz: wir brauchen Techniker, die über den Tellerrand ihrer eigenen fachlichen Disziplin hinausblicken können und betriebs-wirtschaftlich, geisteswissenschaftlich und kulturell gebildet sind.

Und damit komme ich zum letzten Punkt dieser Überlegungen, nämlich der Ausbildung und Weiterbildung unserer Techniker und unseres technischen Nachwuchses. Und dies ist ja zugleich der Grund, warum sie heute hier zusammengekommen sind.

Ich beginne einmal mit den jungen Menschen. Ihr Interesse für die Technik muß durch lebendigen, projektbezogenen, nicht abwählbaren naturwissenschaftlichen Unterricht geweckt werden. Wenn sie sich dann für ein technisches Studium entscheiden, müssen außer den wichtigen technischen Grundlagenfächern, Mathematik, Physik, Mechanik, Informatik beispielsweise, und den Anwendungsfächern je nach technischer Disziplin, die sogenannten Softskills entwickelt werden. Dies sind kommunikative Fähigkeiten, also Rhetorik, Fremdsprachen, schriftliche und mündliche Präsentation, Überzeugungsfähigkeit Teamfähigkeit, Führungsfähigkeit, Wissen um Motivation von Mitarbeitern, Organisationsvermögen, Selbstorganisation um nur einige wichtige herauszugreifen. Es gibt Untersuchungen, daß gerade diese Fähigkeiten, deren Behandlung in den normalen Studienverlaufsplänen nicht auftaucht, im späteren Berufsleben die wichtigsten sind. Die Betonung dieser Aspekte hätte den zusätzlichen Vorteil, daß wir das große Reservoir der Studienanfängerinnen für das technische Studium begeistern könnten, die erfahrungsgemäß solchen Themen eher zugeneigt sind.

Natürlich gab und gibt es Bestrebungen an den Hochschulen, in diese Richtungen zu gehen. Als ich selbst in den 60er Jahren an der TU Berlin Metallkunde studierte, mußten wir im Vorexamen 2 humanistische Fächer wählen,, ich hatte mich damals für Amerikanistik und Geschichte entschieden. Der über die Gruppe 47 bekannt gewordene Germanist Höllerer war zu meiner Zeit an der TU Berlin tätig.

Auch der Hybridstudiengang "Wirtschaftsingenieurwesen" war schon in den 30er Jahren gegründet worden. Und hier in Siegen läuft eine Studienrichtung "Internationale Projektierung", die genau diese Softskills in das Maschinenbaustudium einbringt. Aber all dies ist zu wenig und muß weiter ausgebaut werden.

Für die Techniker, die schon im Beruf sind, bleibt nur die Weiterbildung während der Berufstätigkeit. Und jetzt freue ich mich sehr, daß von Ihnen heute ein Verein gegründet wird, der sich genau das auf die Fahnen geschrieben hat. Möglichkeiten zur Weiterbildung in den oben genannten Themenkreisen gibt es sehr viele, gute und weniger gute. Es kommt darauf an, die Spreu vom Weizen zu trennen, und die Möglichkeiten zu koordinieren und zu erweitern, und insbesondere die Techniker zur Weiterbildung zu motivieren. Und da kommt einem solchen Verein eine wichtige Aufgabe zu.

Somit wünsche ich dem Verein "Virtualtec" Wachsen, Blühen und Gedeihen und schließe mit dem alten, in die Zukunft gerichteten Bergmannsgruß

"Glückauf"