Notfälle wie Verkehrsunfälle oder körperliche Gewalt gegen Personen werden oft von anderen Menschen beobachtet. Es gibt mitunter viele Zeugen in Notsituationen. Viele sogenannte Gaffer beobachten die Situation, doch helfen sie den Betroffenen nicht. Die Psychologie spricht in solchen Fällen vom Bystander-Effekt.
Was ist der Bystander-Effekt?
Gerät ein Mensch auf offener Straße in Not, da er belästigt oder angegriffen wird, oder ereignet sich ein Unfall, würden viele Menschen behaupten, dass sie in solchen Fällen helfen würden. Anders sieht das jedoch laut Psychologie aus. In der Realität wird oft gar nicht oder erst zu spät geholfen.
Sind Zeugen vor Ort, bleiben andere Menschen tendenziell oft untätig stehen und helfen nicht. Dieses Verhalten wird als Bystander-Effekt oder Zuschauer-Effekt bezeichnet. Menschen neigen dazu, die Verantwortung in großen Gruppen auf andere zu verteilen, und handeln häufig nicht selbst. Das führt mitunter dazu, dass niemand etwas tut und den Betroffenen keine Hilfe zuteil wird.
Die Sozialpsychologen John Darley und Bibb Latané prägten den Begriff Bystander-Effekt im Jahr 1970, nachdem sie das Verhalten von Menschen in einem Kriminalfall erforschten, der sich 1960 ereignete.
Damals wurde Kitty Genovese, eine junge Frau, auf offener Straße ermordet. Trotzdem zahlreiche Nachbarn die Hilfeschreie des Opfers hörten, griff niemand ein, um zu helfen.
Welche Ursachen hat der Bystander-Effekt?
Die Sozialforscher John Darley und Bibb Latané ermittelten die Ursachen für den Bystander-Effekt. Die Wahrscheinlichkeit, dass einzelne Personen helfen, ist umso geringer, je mehr Zeugen die Notsituation beobachten. Das hat mehrere Ursachen:
- Uneindeutigkeit der Situation: Insbesondere dann, wenn es viele Zeugen gibt, sind sich einzelne Personen oft nicht sicher, ob es überhaupt notwendig ist, zu helfen, oder ob bereits andere Personen geholfen haben.
- Angst, etwas falsch zu machen: In Notsituationen haben viele Menschen Angst, einzugreifen, da sie fürchten, etwas falsch zu machen oder sich zu blamieren. Mitunter glauben sie, alles noch schlimmer zu machen oder sogar, sich durch eine falsche Handlung strafbar zu machen.
- Verantwortungsdiffusion: Mitunter gehen die Beteiligten davon aus, das jemand helfen wird. Sie verlassen sich darauf und bleiben untätig.
- Pluralistische Ignoranz: Das eigene Verhalten wird durch das Handeln anderer Menschen beeinflusst. Greift in einem Notfall niemand ein, nehmen Personen unbewusst an, dass keine dringende Hilfe in einer solchen Situation notwendig ist.

Wie können Menschen in Notsituationen aktiv werden?
Menschen können die Passivität des Bystander-Effekts durchbrechen. Das ist in Notsituationen, aber auch in der Klimakrise und anderen gravierenden Problemen möglich. Dafür sind verschiedene Schritte erforderlich:
Dringlichkeit der Situation verdeutlichen
Menschen müssen realisieren, dass eine Notsituation real ist. Auch die Klimakrise ist eine solche bedeutende Situation. Es ist wichtig, den Menschen zu verdeutlichen, dass dringendes Handeln erforderlich ist. Wenn sich die Menschen darüber bewusst sind, dass ein akuter Notfall vorliegt, sind sie eher bereit, zu helfen.
Um andere zum Handeln zu bewegen, ist es wichtig, das Problem greifbar zu machen.
Das gelingt mit Berichten über Katastrophen oder Menschen in Notsituationen. Eine Kommunikation auf Augenhöhe ist notwendig, um Menschen davon zu überzeugen, wie wichtig es ist, zu helfen. Schuldzuweisungen müssen unbedingt vermieden werden.
Konkrete Festlegung von Verantwortung
Im Alltag ist es sinnvoll, in Notsituationen Einzelpersonen konkret anzusprechen und zum Helfen aufzufordern. Auf globaler Ebene wie bei der Klimakrise kommt es darauf an, klare Zuständigkeiten festzulegen. Das ist mit konkreten Gesetzen möglich. Geht es um Klimaziele, gilt es, die Menschen darüber zu informieren und ihnen die Folgen der Klimakrise aufzuzeigen.
In privaten Haushalten muss sich jeder seiner Verantwortung bewusstwerden und entsprechend handeln.
Mut zum ersten Schritt
Eine Person muss den Mut haben, den ersten Schritt zu machen. Das betrifft Notsituationen in der Öffentlichkeit ebenso wie globale Probleme. Die Wahrscheinlichkeit, dass auch andere Menschen helfen, steigt, wenn jemand den Anfang macht. Die Hemmschwelle, um etwas zu tun, sinkt. Das bedeutet auch, dass die Angst, zu versagen, abnimmt.
Eine Person kann den Bystander-Effekt umdrehen und die Zuschauer dazu bewegen, gemeinsam zu helfen. Bei Problemen wie der Klimakrise oder größeren Aktionen zur Hilfe für Menschen in Not ist es auch möglich, über Social Media zu informieren und damit zum Helfen und zum Teilen der Beiträge aufzufordern, um möglichst viele Helfer zu erreichen.
