Das Modell von Deutschland als Exportnation wird durch die Entwicklung in China und den USA in Frage gestellt.
Es gibt jedoch noch einige Länder mit Potenzial für die deutsche Exportwirtschaft.
Deutschland benötigt neue wirtschaftlich Verbündete
Der Handel mit China und den USA hat in der Vergangenheit wesentlich zum Wohlstand Deutschlands beigetragen. Die beiden Großmächte sind noch immer die wichtigsten Handelspartner Deutschlands. Die Volksrepublik China schottet sich zunehmend ab. Die Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump wirkt sich negativ auf die deutsche Wirtschaft aus.
Deutschland steht aktuell vor der Frage, ob es noch als Handelsnation bestehen kann. Damit das gelingt, werden neue wirtschaftlich Verbündete benötigt.
Deutschland muss sich von den USA und China lösen, da sie als Handelspartner volatil sind.
Die Berliner Ökonomen Claus Michelsen und Simon Junker waren zuvor gemeinsam beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) tätig. Inzwischen arbeiten sie beim Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA). Sie bescheinigten in einer Studie, dass Deutschland als Handelsnation noch eine Chance hat.
Die Ökonomen untersuchten mit Hilfe des „Partner Similarity Index“ (PSI), wie aus Deutschland exportierte Produkte zu den Strukturen anderer Länder passen. Dabei kam es darauf an, welcher Bedarf an Importen in den jeweiligen Ländern besteht. Wie die Studie zeigt, kann die Nachfrage nach Produkten der deutschen Exportwirtschaft in diesen Ländern künftig steigen.
Übereinstimmung deutscher Exporte mit dem Bedarf anderer Länder
Die Ökonomen haben die Übereinstimmung der Exporte Deutschlands mit dem Bedarf anderer Länder untersucht und dabei den PSI in Prozentpunkten ermittelt. Einen Wert von 100 Prozent konnten sie für kein Land der Welt ermitteln. Bei einem solchen Wert würden die deutschen Exportprodukte exakt mit den Importen des jeweiligen Landes übereinstimmen.
Eine Übereinstimmung von 79 Prozent wurde bei den USA ermittelt. Die Übereinstimmung von China liegt aktuell bei 64 Prozent, doch ist die Tendenz sinkend. Die von Deutschland exportierten Güter werden von China nur teilweise importiert. Der deutsche Export deckt jedoch andererseits kaum die von China importierten Güter ab.

Kanada mit der höchsten Übereinstimmung
Die EU hat bereits mit einigen Staaten, bei denen eine hohe Übereinstimmung mit Deutschland besteht, bilaterale Handelsbeziehungen. Kanada gehört dazu und hat mit 88 Prozent die höchste Übereinstimmung mit den deutschen Exporten.
Der PSI von Kanada ist in den letzten Jahren geringfügig gesunken. Der Grund dafür sind in erster Linie die Rückgänge bei den Fahrzeugexporten. Als Handelspartner für Deutschland sind insbesondere die Länder interessant, die Fahrzeuge, Maschinen sowie pharmazeutische und elektronische Produkte importieren.
Gute Chancen in Südamerika und im Transpazifik
Hervorragende Übereinstimmungen mit den deutschen Exporten bestehen mit Frankreich und Österreich mit einem PSI von jeweils 84 Prozent. Auch mit einigen Staaten, die gegenwärtig noch keine starken Exportpartner von Deutschland sind, bestehen hohe Übereinstimmungen.
Die Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Bolivien, Paraguay, Uruguay und Venezuela bieten gute Chancen für deutsche Exporte. Argentinien hat unter den Mercosur-Staaten mit 82 Prozent den höchsten PSI. Das Forschungsteam sieht allein in Argentinien die Möglichkeit, den Gewinn durch Exporte um bis zu 3,8 Millionen US-Dollar zu steigern.
Bei Brasilien liegt der PSI bei 75 Prozent. Das Team der Experten sieht hier ein Potenzial von bis zu 3,1 Milliarden US-Dollar. Baut Deutschland die Handelsbeziehungen mit dem gesamten Mercosur-Bündnis aus, könnten Gewinne bis zu 8 Milliarden US-Dollar erzielt werden.
Ein bedeutendes Freihandelsabkommen ist die Umfassende und Fortschrittliche Transpazifische Partnerschaft (CPTPP), zu deren Mitgliedern unter anderem Kanada, Japan, Großbritannien und Australien gehören.
Auch die Mercosur-Staaten gehören zum CPTPP-Bündnis. In diesen Regionen liegt der PSI der deutschen Exportwirtschaft bei 77 Prozent.
Der PSI mit Japan liegt bei 65 Prozent und ist von 2013 bis 2024 um fast fünf Prozentpunkte gestiegen. Die Fahrzeugexporte sind jedoch auch bei Japan zurückgegangen. Gestiegen sind hingegen die Exporte der Metall- und Maschinenindustrie sowie der Chemie- und Pharmaindustrie.
Ein gutes Potenzial besteht auch bei Kolumbien. Der PSI mit Deutschland liegt bei 83 Prozent. Damit ist Kolumbien das Land mit dem zweithöchsten PSI Deutschlands mit einem nichteuropäischen Staat. Auch Mexiko hat mit 77 Prozent ein hohes Potenzial.
Ein Ausbau der Handelsbeziehungen mit dem CPTPP-Bündnis könnte Schätzungen der Ökonomen zufolge zu einem Gewinn von insgesamt 87 Milliarden US-Dollar führen. Die deutschen Exportgewinne in allen Ländern könnten insgesamt um bis zu 95 Milliarden US-Dollar steigen.
Unterstützung der Exporteure durch den Staat notwendig
Die Ökonomen betonen, dass es für die Zukunft Deutschlands als Exportnation nicht genügt, sich auf die Potenziale zu verlassen. Nicht nur die Märkte müssen geöffnet werden, wenn die Exportstrukturen zur Nachfrage des Partnerlandes passen. Es kommt zusätzlich auf weitere institutionelle Voraussetzungen an.
Patente müssen geschützt werden. Neue Handelsabkommen, bei denen es auch um alle erreichbaren Klima- und Sicherheitsstandards geht, sind ein wichtiger Schritt hin zu einer diversifizierten Wirtschaft. Gleichzeitig setzt Deutschland damit ein Zeichen für den freien Handel und gegen die Abschottung. Die Exporteure müssen vom Staat besser unterstützt werden.
